Von Straßen und Schatten

Von Hartfrost Fischberns

Gestern ging ich durch die Straßen meiner Stadt.
Die Sonne schien nur trüb auf mich herab;
Durch dunkle Wolken, als wär’s schon Nacht,
lief ich als schlief ich und wär‘ nicht wach
blind durch die Straßen meiner Stadt.

Sah nichts als Schein und bloß Fassade.
Glitzernd Reichtum dieser Tage
Schoss hoch empor am Horizont
mit Werbung an der Häuserfront.
Sah nichts als schein und Maskerade.

Ich ging und schritt entlang den Wegen
Und sah im Regen mir kam entgegen
ein Schatten der zu schnell verschwand,
blieb unerkannt, versank, ertrank
im Meer der Massen am Straßenrand.

Es blieb die Frage wer er war,
wie böse oder wunderbar.
Ich trat an Meer, es trat zurück.
Ich fragte, sagte ohne Glück.
Das Meer blieb still, dass Meer blieb starr.

Johann Wolfgang von Goethe: Der Erlkönig

Der Erlkönig
von Johann Wolfgang von Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
 Es ist der Vater mit seinem Kind;
 Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
 Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
 Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
 Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
 Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
 Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
 Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
 Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
 Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
 Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
 In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
 Meine Töchter sollen dich warten schön;
 Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
 Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
 Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
 Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
 Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
 Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
 Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
 Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
 Er hält in den Armen das ächzende Kind,
 Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
 In seinen Armen das Kind war tot.

(1778)