Johann Wolfgang von Goethe: Der Erlkönig

Der Erlkönig
von Johann Wolfgang von Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
 Es ist der Vater mit seinem Kind;
 Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
 Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
 Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
 Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
 Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
 Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
 Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
 Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
 Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
 Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
 In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
 Meine Töchter sollen dich warten schön;
 Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
 Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
 Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
 Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
 Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
 Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
 Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
 Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
 Er hält in den Armen das ächzende Kind,
 Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
 In seinen Armen das Kind war tot.

(1778)


Buchvorstellung: „Der Fänger im Roggen“ und sein Erfolg

„Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger gehört mit seinen 65 Millionen verkauften Exemplaren zu den meistverkauften Büchern überhaupt. Im Laufe dieser Buchvorstellung werden wir versuchen den unglaublichen Erfolg dieses Romans zu ergründen. Doch bevor wir dies tun, müssen wir erst skizzieren in was für einer Zeit das berühmte Buch von Salinger aufkam.

Der Historische Kontext von „Der Fänger im Roggen“

New York Ende der 40er Jahre1941, als Salinger gerade mal 21 Jahre alt war, entstanden die ersten Charakterzüge von Holden Caufield, dem Protagonisten aus dem „Der Fänger im Roggen“ – und zwar in der Kurzgeschichte „Slight Rebellion off Madison“. Das war noch bevor die USA in den europäischen, oder besser gesagt eurasischen Krieg reingezogen wurde, der mit der Einmischung der Staaten im Jahre 1945 und schließlich mit dem Abwerfen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seinen traurigen Höhepunkt fand.

Nach der Kapitulation Japans kam in den Vereinigten Staaten von Amerika die sogenannte Containment-Politik zur Eindämmung des Kommunismus auf. Währenddessen ließ Hollywood vor allem die konventionellen Geschlechterrollen neu aufflammen, was in der Jugend  mehr und mehr das Verlangen nach den rebellischen Antihelden aufkommen ließ. Berühmtheiten wie James Dean, Paul Newman, Marlon Brando und Marilyn Monroe waren die Folge. Auch die Musikindustrie orientierte sich zunehmend an der Jugend. Die Kultur des Rock ’n’ Roll rückte immer mehr in den Vordergrund und ebnete Chuck Berry den Weg, während die älteren Jahrgänge mit nostalgischen Lieder und Filmen bei Laune gehalten wurden. In dieser Zeit des aufkeimenden Generationenkonflikts trat „Der Fänger im Roggen“ im Jahre 1951 auf den Plan.

Skizzierung des Erfolgs und der Kontroverse

Als das Buch erschien sorgte es für eine gewaltige Kontroverse. Dies lag in erster Linie an der für die damalige Zeit ungeheuerliche Schreibe. Die englische Originalversion zählte 255 Mal „goddamn“ und 44 Mal „fuck“. Doch auch das heikle Thema Sex erschütterte die damals sehr prüde amerikanische Gesellschaft. Im Zuge dessen jagte im Feuilleton ein Verriss den nächsten und eine Verbotswelle schwappte durch die Büchereien und Schulen Amerikas. Als ein Lehrer neun Jahre nach dem Erscheinen von „Der Fänger im Roggen“ das Buch in seinen Unterricht aufnahm, wurde er kurzer Hand gefeuert.

Der Fänger im Roggen Erstausgabe

Salingers Werk wurde geächtet und noch lange nach der Erstveröffentlichung von konservativen Gesellschaftsschichten verteufelt. Dies lag nicht nur an den im Buch abgebildeten Themen und der Schreibe, sondern auch an den Taten zweier Männer: Mark David Chapman, der John Lennon erschoss, wurde mit einer Kopie des Buches verhaftet und gab an, dass er es durch seine Tat berühmt machen wolle. Von John Hinckley Jr., der versuchte Ronald Reagan, den damaligen Präsidenten zu ermorden, wird gesagt, dass er von dem Roman zu seiner Tat inspiriert worden ist.

All diese Kontroverse gemischt mit dem Hauch des Verbotenen erzeugte vor allem bei den Jugendlichen einen Kaufrausch und so führte „Der Fänger im Roggen“ 30 Wochen in Folge die Bestsellerliste der New York Times an.

Doch auch noch Jahrzehnte später bricht der Erfolg des Romans nicht ab. Jedes Jahr werden weltweit noch 250.000 Exemplare des Romans abgesetzt. Und während sich am Verkaufserfolg über die Jahre hinweg nicht viel veränderte, so wandelte sich die Rezeption umso mehr. „Der Fänger im Roggen“ gilt heutzutage als eines der besten Jugendbücher überhaupt und findet deshalb in immer mehr Ländern Einzug in die Schulbibliotheken. Generation um Generation wird so Holden Caufields urbanes Abenteuer näher gebracht.

Die Inhaltsangabe

„Der Fänger im Roggen“ spielt im Jahre 1949. Das Buch erzählt die Geschichte von Holden Caufield, der sich im Laufe einer dreitägigen Odyssee mit der Welt der Erwachsenden und der vermeintlichen Verlogenheit der Menschen auseinandersetzt.

Der sechzehnjährige Holden Caulfield ist kurz davor mal wieder von der Schule zu fliegen. Da ihn weder Noten noch Freunde an der Schule halten, flieht er schon vor dem Ferienbeginn. Weil er aber noch nicht nach Hause kann, pilgert er drei Tage lang durch die Straßenzüge, Hotels und Bars von New York. Doch stößt er dabei auf keine Gleichgesinnten an die er sich wenden kann und so wird seine Reise durch die Straßen seiner Stadt zu einer panischen Suche nach Leuten, mit denen er sich austauschen kann. Im Laufe dessen stößt er immer wieder an die Wände der Zivilisation und zieht sich immer mehr zurück. Für seine Verwirrung, Sehnsucht und Einsamkeit kennt seine Gesellschaft am Ende des Buches nur das Sanatorium als Heilmittel, in das sich Holden einweisen lässt, nachdem er heimlich mit seiner kleinen Schwester Pheobe zum Zoo geht.

Der Erzählstil

Salinger vermischt in „Der Fänger im Roggen“ mehrere Erzählformen. Der Roman ist in erster Linie in der Form einer personalen Ich-Erzählung geschrieben. Die Handlung wird dem Leser aus den Augen Holdes näher gebracht, wobei Holden dies retroperspektiv tut. Es gibt also einen Zeitabstand zwischen dem Erzählenden und dem Erlebenden. Deshalb fließen Elemente des auktoriales (allwissenden) Erzählverhaltens in die personale Erzählung ein. Dies äußert sich in Reflektionen Beurteilungen, aber auch in Ansprachen an den Leser, die die Vierte Wand durchbrechen. Die Durchbrechung der Vierten Wand tritt vor allem am Anfang und am Ende des Buches zu Tage.

Darüber hinaus nimmt Holden auch Handlungsstränge vorweg und gibt Hinweise auf kommende Geschehnisse. Somit schildert der Erzähler die Geschichte auch aus der allwissenden „Olympischen Perspektive“,  da Holden über alles Bescheid weiß, was im Laufe der Geschichte passiert.

Der Schreibstil

Der Fänger im Roggen Seite 56

Salinger lässt Holden sehr detailliert und unverblümt über sein Innenleben sprechen. Auf Metaphern wird verzichtet. Auffällig ist die simple Sprache und die umgangssprachliche Wortwahl, die jugendgemäß und voller Schimpfwörter ist. Dadurch wirkt „Der Fänger im Roggen“ wie ein direktes Gespräch bzw. ein an den Leser gerichteter Monolog, wie er oft in Tagebüchern vorkommt; wobei die Authentizität aus den Wiederholungen des Wortgebrauchs stammt. Oft benutzte Floskeln wie „es mach mich völlig fertig“, „das machte mich ungeheuer traurig“ oder ein „und so“ am Ende eines Satze machen Holden glaubwürdig und menschlich. Des Weiteren ist die ab und zu aufkommende Ironie ein weiteres prägendes Merkmal des Schreibstils.

Die Biographie Salingers

  • Jerome David Salinger wurde am Neujahrstag 1919 im New Yorker Stadtteil Manhattan geboren.
  • Genau wie Holden Caulfield besuchte er mehrere Privatschulen.
  • Salinger unternahm schon von Kindesbein an literarische Versuche und schrieb beispielweise Filmkritiken.
  • Nach seiner Schulausbildung versuchte sein wohlhabender Vater ihn sofort in die erwachsene Arbeitswelt einzugliedern. So absolvierte Salinger 1937 in Wien bei Verwandten eine Ausbildung in einem Schlachtereibetrieb, um sich auf das Erbe des väterlichen Importgeschäfts vorzubereiten.
  • Als er 21 Jahre alt war erschien seine erste Publikation: Die Erzählung „The Young Folks“ wurde im Jahre 1940 in Whit Burnett’s Story Magazin veröffentlicht. Doch die Versuche andere Texte in dem renommierten Kulturblatt The New Yorker unterzubringen scheiterten zunächst.
  • Ein Jahr nach der Veröffentlichung von „The Young Folks“ akzeptierte The New Yorker endlich eine seiner Geschichten. Es handelte sich um „Slight Rebellion of Madison.“ In dieser Kurzgeschichte bekam Holden Caufield erstmals eine Bühne. Salinger selbst beschrieb Holden damals als einen unzufriedenen Teenager. Doch leider verschob sich die Veröffentlichung der Kurzgeschichte durch den Angriff auf Pearl Harbor und der Teilnahme Amerikas am Zweiten Weltkrieg bis 1946.
  • Salinger nahm den Krieg aus der Perspektive des Soldaten wahr. 1942 wurde er in die Armee eingezogen und nahm von Invasionsbeginn bis Kriegsende an fünf Feldzügen in Frankreich teil. So erlebte er unter anderem die Ardennenoffensive der Deutschen.
  • Trotz des Krieges gab er das Schreiben nie auf und veröffentlichte einige Kurzgeschichten in verschiedenen Magazinen.
  • Über Salinger kursiert bis heute das Gerücht, er sei ein vereinsamter Misanthrop gewesen, dem nie ein nettes Wort über die Lippen gekommen sei. Doch ein Mitsoldat dementierte dies in einem Interview und gab an, dass Salinger einfach nur jede freie Minute geschrieben habe.
  • Während des Krieges lernte Salinger Ernest Hemingway kennen, der als Kriegskorrespondent unterwegs war und ihn ein „ungeheures Talent“ bescheinigte.
  • 1948 akzeptierte der „New Yorker“ mit „A Perfect Day for Bananafish“ eine zweite Erzählung Salingers. Damit begann eine 18 Jahre währende Zusammenarbeit. Das Blatt blieb bis zum Tod Salingers Erstpublikationsorgan.
  • Salinger hatte viele Frauen. Mit 34 heirate er das erste Mal, ließ sich aber nach 12 Jahren wieder scheiden und das zweite Mal mit 52 die Ehe zu schließen.
  • 1951 erschien „Der Fänger im Roggen“ und machte ihn praktisch über Nacht weltberühmt.
  • 1953 zog Salinger nach Cornish in New Hampshire, wo er zurückgezogen lebte und im Alter von 91 Jahren eines natürlichen Todes starb. Zu diesem Zeitpunkt lag seine letzte Veröffentlichung schon 30 Jahre zurück.
  • Salingers literarischer Mythos geht so weit, dass Kritiker ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte – die Jahre von 1948 bis 1959 – als „Ära Salinger“ bezeichnet haben.
  • Seit seinem Tod reißen sich Experten um jede Zeile aus Salingers Feder. Im Jahre 2010 wurden ein paar Briefe aus der Kriegszeit an einen Freund gefunden. Deren Wert wurde auf 60.000 US-Dollar geschätzt. Diese erstaunliche Summe kommt vor allem dadurch zustanden, dass die Korrespondenz belegt, dass Salingers Image von einem einzelgängerischen Misanthrop falsch ist – sind die Briefe doch voller Wärme und Zuneigung.
  • Nichtsdestotrotz stimmt es, dass Salinger öffentlichkeitsscheu war. Seine Privatsphäre war ihm so wichtig, dass er den Inhalt der Briefe urheberrechtlich schützen ließ.
  • Es bestehen Vermutungen, denen zufolge bis zu 15 unveröffentlichte Romane Salingers existieren – ein Geheimnis, das Salingers Erben bis heute nicht gelüftet haben.
  • Fakt ist, dass Salinger nie mit dem Schreiben aufhörte. Doch tat er dies nach 1963 nur noch für sich selbst. So sagte er in einem Interview mit der New York Times im Jahre 1974: „Veröffentlichungen stellen eine ungeheuerliche Invasion meiner Privatsphäre dar. Ich mag schreiben. Ich liebe es zu schreiben. Doch schreibe ich nur für mich selbst und meinem eigenen Vergnügen.“

Interpretation von „Der Fänger im Roggen“

Ganz nach Salinger sollte eigentlich „Der Fänger im Roggen“ nur als Geschichte gesehen werden und nicht als Basis für irgendwelche Gesellschaftsanalysen dienen. Dies hielt aber unzählige Leute nicht davon ab das weltberühmte Werk mit der Hilfe von verschiedensten Ansätzen zu interpretieren. Den Anfang macht die offensichtlichste Herangehensweise:

Die biographische Interpretation

Salinger in der JugendDas Buch hat autobiographische Züge. Salinger selbst sagte, im Jahre 1953, in einem Interview mit einer Schülerzeitung: „Meine Kindheit war der des Jungen im Buch ziemlich ähnlich.“ Vor allem in Bezug auf die vielen Schulwechsel ähnelt Salinger Caufield. Doch sollte man das lyrische Ich nicht mit Salinger eins-zu-eins gleichsetzen. Vielleicht schrieb Salinger das Buch als Gedankenexperiment, um zu testen, ob er wie Huckleberry Finn sich im Westen ein neues Leben aufbauen, oder sich doch lieber seinen Verantwortungen stellen sollte.

Wahrscheinlich hat sich J.D. Salinger sehr mit den Wunsch Holdens identifizieren können, aus der verlogenen Gesellschaft auszubrechen. Schließlich hat er den Krieg miterlebt und Massen von Menschen sterben sehen, was einen großen Widerspruch zu seinem eher ruhigen Leben in den reichen Gegenden von New York darstellte. Es spricht einiges dafür, dass auch Salinger die Verlogenheit der Menschen missfiel. Sein Rückzug aus der Öffentlichkeit, die Weigerung nach 1974 weitere Interviews zu geben und das Einstellen der Veröffentlichungen sind Indizien dafür.

Die sozialogische Interpretation

Oftmals wurde die Sozialkritik betont, die Salinger seinen Hauptcharakter Holden Caulfield an der, seiner Meinung nach, verlogenen amerikanischen Gesellschaft der 40er und 50er Jahre üben lässt. Er prangert die Arschkriecher-Gesellschaft an, die Menschen nur dann nett sein lässt, wenn sie etwas von einem wollen. Holden kämpft dagegen an und ist zwar nicht immer aufrichtig, sagt aber meist was er denkt – selbst wenn er dafür geschlagen wird. Holden will sich nicht den Rollenerwartungen der Gesellschaft beugen und wird dafür mit Isolation bestraft wird. Diese würde letztendlich mit seinem Untergang enden, da er ja ohnehin depressiv sei. Der Mensch ist ein Rudeltier, ein soziales Wesen und ohne soziale Kontakte würde Holden wahrscheinlich suizidal werden. Doch Holden weiß, dass er alleine nicht bestehen kann. Dies wird durch seine Bekehrung zur Verantwortung vor seiner Schwester deutlich. Holden akzeptiert, dass wenn man in einer Gesellschaft glücklich sein möchte, man sich auch deren Normen beugen muss.

Diese Wiedereingliederung Holdens in die Gesellschaft kann man auch als das Sterben des Individualismus deuten- und zwar wenn man annimmt, dass Holden sich nach seiner Einweisung in das Sanatorium grundlegend verändert und seine Prinzipien aufgibt, um sich anzupassen und ein funktionierendes Zahnrad im Gefüge der Gesellschaft zu werden. Doch ist es letztendlich Ungewiss, was Holden tun wird, wenn er aus dem Santorium rauskommt. Das Buch endet mit Holden, wie er dem Leser schildert, dass man zwar für ihn schon eine neue Schule gefunden hat, doch weiß er selbst nicht, ob er wirklich hingehen und sich anstrengen wird.

Die psychologische Interpretation

Bei diesem Interpretationsansatz wird sich vor allem auf den psychologischen Aspekt des Heranwachsens und Erwachsenwerdens fokussiert. Dies manifestiert sich durch die innere Wandlung Holden Caulfields. Sein ganzes Leben hat er damit verbracht. dass zu tun was er wollte: Er flog von vielen Schulen, da er sich nie anstrengte. Er ist selbstbestimmt und lässt sich nicht sagen, was er zu tun und zu lassen hat.

Dennoch hebt diese Freiheit seine Stimmung nicht. Im Buch spricht er immer wieder von einer miesen Kindheit, von dem Tod seines jüngeren Bruders Allie und von seiner schlimmen Schulkarriere. Holden ist von Unsicherheit durchströmt. Er rebelliert gegen die Regeln der vermeintlich verlogenen Gesellschaft und lehnt jegliche Zukunftsperspektive ab – bis auf die des Fängers im Roggen. Der Fänger im Roggen ist für Holden übrigens jemand, der spielende Kinder im Roggen davon abhält unbeabsichtigt eine Klippe runterzufallen.

Holden hat Angst vor der Zukunft und will lieber flüchten als sich der Entscheidung zu stellen, was er mal werden möchte. Er ist mit der Pubertät vollkommen überfordert.

Letzten Endes entscheidet er sich für das Erwachsenensein. Während eines Treffen mit seiner Schwester wird er sich seiner Verantwortung ihr gegenüber bewusst und entscheidet sich dafür sich heilen zu lassen und nicht ausreißen. Doch ist das neu gewonnene Verantwortungsbewusstsein nicht erdrückend. Er erkennt, dass er ihr die Freiheit einräumen muss ihren eigenen Weg zu finden, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln – selbst wenn sie dabei auf die Nase fallen kann:

„Die Kinder [auf dem Karussell] versuchten alle den goldenen Ring zu erwischen, auch Phoebe [meine Schwester], und ich hatte manchmal Angst, dass sie von dem blöden Pferd fallen würde, aber ich sagte nichts und unternahm nichts. Wenn die Kinder den goldenen Ring erwischen wollen, muss man es sie versuchen lassen und nichts sagen. Wenn sie herunterfallen, dann fallen sie eben in Gottes Namen, aber man darf nichts zu ihnen sagen.“ („Der Fänger im Roggen“, Seite 267, Zeile 7 und folgende).

Die Gründe für den immensen Erfolg

  • Salinger fing mit „Der Fänger im Roggen“ den Zeitgeist, den rebellischen Gedanken seiner Generation ein. Die zeitgenössische, saloppe Schreibe sprach einer ganzen Generation aus der Seele. Ähnlich wie es Goethe damals mit den „Leiden des Jungen Werters“ bewerkstelligte, schaffte es Salinger mit Holdens urbanen Abenteuer eine Bewegung entstehen zu lassen. Dabei war Salinger seiner Zeit voraus. Schließlich fing der rebellische Funke erst zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Romans mit der Hippiebewegung der 60er Jahre so richtig Feuer. Dennoch ist das Rebellische der Jugend nicht mit der Hippiebewegung gestorben. Wie damals muss man auch heutzutage als Heranwachsender noch mit denselben Problemen kämpfen – das verwirrende neue sexuale Selbstbild, die Probleme der Liebe, die Schwierigkeiten seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, die Verlogenheit der Welt, die mit der zunehmenden Ausbreitung der Medien noch schlimmer geworden ist. Auch 60 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist „Der Fänger im Roggen“ noch relevant.
  • Doch wäre Salingers Werk ohne die Kontroverse nicht annährend so erfolgreich gewesen. Die Schreibweise des Buches brach mit den Konventionen. Kein Werbemensch der Welt hätte sich eine bessere Kampagne ausdenken können, als die zahlreichen ärgerlichen Artikel über die vielen ungeheuerlichen Schimpfwörter und die Anstrengungen das Buch landesweit zu verbieten zu lassen.
  • Die Schreibweise ist auf eine andere Weise maßgeblich für den Erfolg des Buches verantwortlich. „Der Fänger im Roggen“ ist durch seinen leichten, saloppen Schreibstil einfach zu lesen. Es gibt keine komplizierten Fremdwörter, keine sprachliche Barriere, die einen davon abhält in die Gedankenwelt von Holden Caufiled abzutauchen und sich mit ihm zu identifizieren.
  • Das untypische Verhalten Salingers nach dem unglaublichen Erfolg seines Buches tat sein Übriges. Ein Autor, der nie populär sein wollte, Aufmerksamkeit ablehnte und nur schrieb um des Schreibens willen verlieh seinem Buch ein unnachahmliche Authentizität.
  • Auch die Aufnahme des Romans in unzählige Unterrichtsstunden als Schulstoff ist nicht zu unterschätzen. Dadurch wird „Der Fänger im Roggen“ nicht nur Jahr um Jahr einer neuen Generation an Schülern nähergebracht, sondern kurbelt die Verkaufszahlen noch zusätzlich an.
  • Zu guter Letzt spricht das Buch vor allem die Menschen an, die es leid sind in der heutigen Welt zu leben, die doch voller Widersprüche, Konflikte und Leid ist. Praktisch jeder macht in seinem Leben eine Phase durch, in der er die Nase voll hat und am liebsten einfach aufgeben oder ausreißen würde. Diese Niedergeschlagenheit kann auch zum Krankheitsbild der Depression führen. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass vier Millionen Deutsche von einer Depression betroffen sind und dass ungefähr zehn Millionen Menschen bis zu ihrem 65. Lebensjahr eine Depression erlitten haben. Nicht selten greifen solche Menschen zu Büchern, die ihr Weltbild zu bestätigen scheinen.