Die Made – Gedicht von Heiz Erhardt – Text und Reimschema

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol‘. So leb denn wohl.
Halt! Noch eins, denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!“

Also sprach sie und entwich. —
Made junior jedoch schlich
hinterdrein, und das war schlecht,
denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. — Schade.

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde.


Das Gedicht widmete der deutsche Komiker Heinz Ehrhardt übrigens seinem Enkel Marek Erhardt, seines Zeichens Synchronsprecher und Schauspieler.

Das Gedicht wurde wahrscheinlich das erste Mal 1963 in dem Gedichtband „Noch so’n Gedicht“ veröffentlicht und erlangte in den folgenden Jahren regelrechten Kultstatus.

Lakonischer Humor trifft auf ausgefeiltes Reimschema

Neben seinen humoristischen Inhalt – dem kurzen Leben und noch schnelleren Tode einer Made, und dem lakonischen Erzählstil, bleibt das Gedicht vor allem durch das Reimschema im Gedächtnis. Schaut man sich nur die Endsilben an, so ist man verleitet, das Reimschema als Paarreime zu verbuchen. Rinde, Kinde, Gatte, Blatte, Weise, Speise – das mag ein schläfriger Deutschschüler unbedacht folgendermaßen notieren:


… Rinde – A
… Kinde – A
… Gatte – B
… Blatte – B
… Weise – C
… Speise – C

Kreuzreim statt Paarreim am Versende

Dabei sind es doch genaugenommen zweisilbige Reime, und dazu auch noch reine Reime, bei denen bei dem Aussprechen der Silben nicht getrickst werden muss, um gleich zu klingen. Verbucht man die Zweisilbigkeit sieht es schon ein wenig komplizierter aus:


Rinde – AB
Kinde – AB
Gatte – CD
Blatte – CD
Weise – EF
Speise – EF

Genau genommen sind am Ende der Verse also nicht mehr Paarreime, sondern Kreuzreime. Reimt sich doch jeweils die erste Silbe auf die dritte Silbe und die zweite Silbe auf die vierte Silbe des Wortpaars.

Doch nicht nur am Versende wird gereimt.

Doch die eigentliche Reimkust, die dem Gedicht seinen unverkennbaren wechselhaften Rhythmus gibt, findet sich nicht am Ende der Zeilen, sondern mittendrin:

Sie ist Witwe, denn der Gatte
den sie hatte, fiel vom Blatte.

Auch hier wird ein zweisilbiger Reim benutzt, der im Grunde auch wieder dem Kreuzschema folgt:

Sie ist Witwe, denn der Gatte – AB
den sie hatte, fiel vom Blatte. – AB, AB
Diente auf dieser Weise – DC
einer Ameise als Speise. – DC, DC

Das Komplette Reimschema der ersten Strophe von dem Gedicht die Made

Dieser Rhythmus wird in den jeweils 4 letzten Versen der ersten drei Strophen wiederholt.

Beachtet man also diese Feinheiten, muss das Reimschema der ersten Strophe in seiner Vollständigkeit so abgebildet werden:

Hinter eines Baumes Rinde – AB
wohnt die Made mit dem Kinde. – AB
Sie ist Witwe, denn der Gatte, – CD
den sie hatte, fiel vom Blatte. – CD, CD
Diente so auf diese Weise – EF
einer Ameise als Speise. – EF, EF

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